Gender Planning Spaziergang
Sie erkunden gerne neue Stadtentwicklungsareal in Wien und interessieren sich für genderbewusste Planung? Dann ist der Spaziergang durch das Sonnwendviertel in Wien genau das Richtige!
Mit der Gender Planning Brille durchs Sonnwendviertel
Erkunden Sie ein Viertel, das zeigt, wie innovatives Design und soziale Nachhaltigkeit Hand in Hand gehen können. Setzen Sie Ihre Gender Planning Brille auf und lassen Sie sich überraschen, was das Sonnwendviertel alles zu bieten hat!
Das Wichtigste zuerst: Was verstehen wir eigentlich unter Gender Planning?
Gender Planning ist ein Ansatz in der Stadtplanung, der das Ziel hat, unterschiedliche Bedürfnisse und Lebensrealitäten in der Planung zu berücksichtigen, um so eine gerechtere Gestaltung des städtischen Raums zu erreichen. Das heißt konkret, dass vor allem Perspektiven, die in der Planung oft übersehen werden, aktiv berücksichtigt werden, wie beispielsweise unbezahlte Care-Arbeit, wie Hausarbeit, Kinderbetreuung und die Pflege von Angehörigen. Das sind Tätigkeiten, die nach wie vor zu zwei Dritteln von Frauen geleistet werden. Stadtplanung kann auf viele unterschiedliche Weisen mit entsprechender Infrastruktur reagieren, beispielsweise durch das Konzept „15 Minuten Stadt“, wo das Ziel darin besteht, viele verschiedene Nutzungen in Stadtvierteln fußläufig zu erreichen oder das Angebot ganztägiger Betreuungs- und Bildungseinrichtungen oder auch (barrierefreie) Verkehrsmittel. In Wien wird dieser Ansatz seit über 30 Jahren durch verschiedene Maßnahmen und Projekte umgesetzt, um die Stadt für alle Geschlechter lebenswerter zu machen.
Das Sonnwendviertel ist ein neues Stadtentwicklungsgebiet in Wien und gilt als ein Beispiel für genderbewusste Planung. Wir starten unseren Spaziergang beim Hotel Schani, nahe dem Hauptbahnhof, und tauchen ein in das Sonnwendviertel. Es werden beispielhaft zu relevanten stadtplanerischen Themengebieten Pilotprojekte besucht.
Ein kleiner Input zum Sonnwendviertel vorab…

Das Sonnwendviertel liegt südlich vom Hauptbahnhof im 10. Wiener Gemeindebezirk Favoriten und entstand auf der circa 34 ha großen Flächen des ehemaligen Frachtbahnhofs. Mit 5.500 Wohnungen ist hier ein neues Zuhause für rund 13.000 Menschen mit rund 20.000 Arbeitsplätzen entstanden. Die ersten Wohnungen wurden bereits 2013 bezogen. Die lokale Infrastruktur des Sonnwendviertels ist geprägt von einer Vielzahl an Einkaufsmöglichkeiten, Bildungseinrichtungen und einer hervorragenden Anbindung an den öffentlichen Verkehr, was das Viertel besonders attraktiv macht. Die weitgehende Autofreiheit unterstreicht das moderne Stadtkonzept.
Wir starten nun zu unserer ersten Station im ersten Bauabschnitt, dem westlichen Teil des Sonnwendviertels, zum Wohnprojekt „wohnzimmer“.
Sozialer Wohnbau: Wohnprojekt „wohnzimmer“

Im Wohnprojekt „wohnzimmer“ sehen wir die Früchte einer bauplatzübergreifenden Zusammenarbeit. Das Projekt bietet nicht nur Wohnraum, sondern auch ein Schwimmbad, das auch der Öffentlichkeit zugänglich ist, ein Theater/Kino, Kinderbetreuungsräume und vieles mehr. Hier wird Wohnen mit zahlreichen gemeinschaftlich genutzten Räumen sogar wortwörtlich durch Stege verbunden. Außerdem ist es ein Beispiel für ein Bauträgerwettbewerbsverfahren und das 4-Säulen Modell im geförderten Wohnbau, das Architektur, Ökonomie, Ökologie und soziale Nachhaltigkeit vereint. Das Wohnprojekt bietet einsehbare halböffentliche Räume, die mit Spielgeräten ausgestattet und teilweise witterungsgeschützt sind. Durch diese Belebung kann soziale Kontrolle hergestellt werden, was zu einer Steigerung des subjektiven Sicherheitsempfinden beitragen kann und auch förderlich für eine kinderfreundliche Infrastruktur ist.
Wir spazieren weiter über die Antonie-Alt-Gasse oder die Innenhöfe der benachbarten Wohnblöcke zum Bildungscampus „Sonnwendviertel“.
Soziale Infrastruktur: Bildungscampus „Sonnwendviertel“

Seit seiner Eröffnung im Jahr 2014 folgt der Bildungscampus Sonnwendviertel dem innovativen Wiener Campusmodell, das eine enge Verzahnung von Bildung und Freizeit ermöglicht. Die Bildungseinrichtung wird ganztägig geführt, um allen Erziehungsberechtigten, unabhängig von ihrem Geschlecht, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu erleichtern. Die architektonische Gestaltung des Campus fördert die Verbindung von Innen- und Außenräumen, indem Freiflächen direkt von den Klassenräumen aus zugänglich sind. Dieses Konzept vereint 11 Kindergartengruppen, 17 Volksschulklassen und 16 Mittelschulklassen unter einem Dach und schafft so einen nahtlosen Übergang zwischen den verschiedenen Bildungsstufen. Ein besonderes Angebot für Jugendliche stellt der Jugendtreff Sovie dar, der aktiv im öffentlichen Raum präsent ist und mit seinem Mädchennachmittag am Samstag einen sicheren und fördernden Raum für Mädchen und junge Frauen bietet.
Weiter geht’s rechts am Bildungscampus vorbei in Richtung Sonnwendgasse zum Jubiläumsbrunnen „WirWasser“.
Öffentliche Infrastruktur: Jubiläumsbrunnen „WirWasser“
Der Jubiläumsbrunnen wurde anlässlich des 150-jährigen Bestehens der 1. Wiener Hochquellenleitung 2023 durch das Kollektiv GELATIN gestaltet. Die 33 Figuren, die das Wasserbecken zusammenhalten, symbolisieren die gesellschaftliche Vielfalt. In einer der Figuren ist ein Trinkwasserspender integriert: ein idealer Zeitpunkt für eine kleine Erfrischung! Der Brunnen wurde bewusst an der Nahtstelle zwischen dem bestehenden und dem neuen Stadtteil errichtet, um die Vernetzung zwischen „alt und neu“ zu begünstigen. Jeder Trinkbrunnen erleichtert den Aufenthalt im öffentlichen Raum und spart unzählige Plastikflaschen, die nicht gekauft und entsorgt werden müssen.
Jetzt geht’s wieder zurück ins Sonnwendviertel hinein zum Herzstück, dem Helmut-Zilk-Park.
Öffentlicher Raum: Helmut-Zilk-Park



Der Helmut-Zilk-Park ist mit seinen 70.000 Quadratmetern die grüne Lunge des Sonnwendviertels. Das Highlight bildet der Motorikpark, der mit seinen 10 Hindernissen große Beliebtheit erfährt. Der Motorikpark gilt als integrativer Treffpunkt für Kinder und Jugendliche unterschiedlicher Herkunft und Altersgruppen und fordert und fördert das Gleichgewicht und Geschick der unterschiedlichen Parkbesucher*innen. Darüber hinaus gibt es eine große Wiesenfläche, die nutzungsoffen gestaltet ist und vom Ballspielen bis zum Picknicken vielfältig genutzt wird. Hier gibt es auch einen Pavillon mit Café und öffentlichen Toiletten.
Wir gehen über in den 2.Bauabschnitt, dem östlichen Teil des Sonnwendviertels, der erst kürzlich fertiggestellt wurde.
Öffentlicher Raum: Jugendspielplatz Sonnwendviertel

Der Jugendspielplatz bietet eine gute Ergänzung zum größtenteils nutzungsoffen gestalteten Helmut-Zilk-Park. Hier gibt es Raum für Bewegung und Begegnung mit dem Fokus auf Jugendliche. Neben Fitnessgeräten gibt es auch zahlreiche Sitzgelegenheiten und teilweise auch Überdachung. Die Mischung aus den nutzungsoffenen (freie Wiese im Helmut-Zilk-Park) und funktionalisierten (Spielplatz) Freiraumangeboten sowie Teilbereichen in unterschiedlichen Größen trägt zu einer gendersensiblen Freiraumgestaltung bei. Auf diese Weise kann ein Besetzen von größeren Teilbereichen, wie das im klassischen Ballspielkäfig häufig der Fall ist, vermieden werden und unterschiedlichen Nutzer*innengruppen, vor allem Mädchen und jungen Frauen, wird der Zugang erleichtert.
Lokale Wirtschaft: Quartiershaus „Mio – (d)ein lässiger Typ“


Gleich gegenüber vom Jugendspielplatz Sonnwendviertel befindet sich das Quartiershaus „Mio“. Im gesamten Ostteil des Sonnwendviertels sind Quartiershäuser mit unterschiedlichen Schwerpunkten verteilt, die über Wohnen hinaus den Stadtteil bereichern und das Zusammenleben fördern. Im Quartiershaus „Mio“ wird das Konzept greifbar. Hier sind im Erdgeschoss Mikro-Läden entstanden, die mit günstigen Mieten eine lebendige Erdgeschosszone unterstützen. So gibt es einen bunten Mix von der Buchhandlung über den Bioladen bis hin zum Zentrum für Getrennt- und Alleinerziehende.
Nun gehen wir ein paar Schritte am Quartiershaus „Mio“ vorbei zum „Gleis 21“. Den erkennen wir an der beachtlichen Holzkonstruktion, die ein bisschen an ein Schiff erinnert.
Innovativer Sozialer Wohnbau: Baugruppe Gleis 21

Im Ostteil haben auch vier Baugruppen ihren Platz gefunden. Eine Baugruppe ist ein gemeinschaftliches Wohnprojekt, das partizipativ durch die Bewohner*innen gestaltet wird. Auch diese Projekte leisten über kulturelle Angebote, gemeinschaftlich genutzte Räume und vielem mehr einen wertvollen Beitrag für die neue Nachbarschaft. Eines dieser Projekte ist „Gleis 21“. Neben den 34 individuell geplanten Wohnungen gibt es ein Bistro, einen Multifunktionsraum sowie eine Medienwerkstatt, die öffentlich zugänglich sind.
Hinter der Häuserreihe in Richtung Gleise verstecken sich vereinzelnd Hochgaragen.
Mobilität: Hochgaragen im Sonnwendviertel


Die Hochgaragen sind auch ein Grund, warum das Sonnwendviertel weitestgehend autofrei gestaltet ist und der Straßenraum viel Platz für Menschen von jung bis alt zu Fuß, im Rollstuhl, mit Gehstock oder Rollator, Kinderwagen, Roller oder Fahrrad bietet. Im Vergleich zu Tiefgaragen sind Hochgaragen wesentlich günstiger und einfacher in der Nachnutzung. Sollten also eines Tages die Bewohner*innen keinen Parkplatz mehr benötigen, kann über eine neue Nutzung des Gebäudes oder Bauplatzes nachgedacht werden.
In Ergänzung dazu gibt es auch Car-Sharing und eine Wien-Mobil Station mit Leihrädern mitten im Sonnwendviertel, damit unkompliziert ohne eigenes Auto hier gewohnt und gearbeitet werden kann. Die Leihräder sind teilweise mit Kindersitzen ausgestattet, was die Alltagstauglichkeit massiv erhöht.
Öffentlicher Raum: Frauen erobern Wiener Straßen
Schauen wir uns nun die Straßenschilder im Sonnwendviertel an. Vielleicht sind der*dem ein oder anderen aufgefallen, dass es im Vergleich zur restlichen Stadt sehr viele Straßen gibt, die nach Frauen benannt wurden. Dazu zählen beispielsweise die Antonie-Alt-Gasse, die an die Wiener Politikerin und Sozialdemokratin erinnert, die Maria-Lassnig-Straße, die nach der österreichischen Malerin benannt ist, oder die Bloch-Bauer-Promenade, in der wir jetzt stehen. Diese erinnert an das Paar Adele und Ferdinand Bloch-Bauer. Die beiden förderten zeitgenössische Kunstschaffende und pflegten eine Freundschaft zu Gustav Klimt. Dieser schuf auch das berühmte Gemälde Adele-Bloch-Bauer I, das unter dem Namen „Goldene Adele“ bekannt ist. In allen Wiener Stadtentwicklungsprojekten werden derzeit vermehrt Frauennamen als Straßennamen gewählt, auf diese Weise erobern Frauen schrittweise die Wiener Straßen.
Wir spazieren die Bloch-Bauer-Promenade entlang zurück in Richtung Hauptbahnhof.
Innovativer sozialer Wohnbau: Bikes and Rails

Die nächste Station erkennen wir an den zahlreichen Fahrrädern im und rund um das Gebäude. Hier ist der Name Programm: Bikes and Rails ist eine weitere Baugruppe geprägt von der geteilten Begeisterung fürs Fahrradfahren. Das Projekt ist ein Teil des habiTAT Mietshäuser Syndikats und setzt den Fokus auf solidarisches und leistbares Wohnen und Leben sowie leistbare Wohn- und Arbeitsräume. Neben unterschiedlichen Gemeinschaftsräumen gibt es im Erdgeschoß eine Fahrradwerkstatt und ein Caféhaus.
Weiter geht’s in Richtung Hauptbahnhof, wo die Bloch-Bauer-Promenade in die Maria-Lassnig-Straße mündet.
Soziale Infrastruktur: Cape 10

Cape 10 vereint zahlreiche Gesundheitsinfrastrukturen sowie soziale Einrichtungen unter einem Dach mit einer schönen Holzkonstruktion. Hier gibt es unterschiedliche Ärzt*innen, die vor allem auch von den Bewohner*innen des Bestandbezirks besucht werden. Darüber hinaus gibt es auch Angebote zur Gesundheitsförderung und Einrichtungen für obdachlose Menschen, wie das Tageszentrum Obdach Ester. Dieses richtet sich ausschließlich an obdachlose Frauen und ist damit weit über die Bezirksgrenzen hinaus von großer Bedeutung.
Wir sind nun am Ende des Spaziergangs angekommen. Dieser Rundgang durch das Sonnwendviertel hat gezeigt, wie Gender Planning in Wien lebendig wird und wie durchdachte Stadtentwicklung die Lebensqualität für alle verbessern kann.
















